Archiv für den Monat März 2026

„Resistance in Crumbling Democracies“ (Widerstand in bröckelnden Demokratien)

Utl: „Kultur der Politik wird wieder gebraucht“

Hochkarätige Podiumsdiskussion im Sigmund-Freud-Museum über Autoritarismus, Widerstand und die Krise der Demokratie

Wien, 12. März 2026 – In der Bibliothek für Psychoanalyse im Sigmund-Freud-Museum fand eine außergewöhnliche Podiumsdiskussion statt, die den Bogen zwischen Psychoanalyse und politischer Gegenwart spannte. In Kooperation mit dem Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) diskutierten internationale Experten auf Englisch über eine der drängendsten Fragen unserer Zeit: Wie können Demokratien dem wachsenden Autoritarismus widerstehen?

Widerstand: Psychoanalytisch und politisch

Im Einklang mit dem diesjährigen Themenschwerpunkt des Sigmund-Freud-Museums – „Widerstand“ – beleuchtete die Diskussion die bewussten und unbewussten Dynamiken innerhalb von Gesellschaften. Die Ausgangslage ist alarmierend: Die Gefahr von Autoritarismus und Totalitarismus scheint heute größer als jemals zuvor seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Die zum Bersten gefüllte Bibliothek – ein buntes Publikum aus Psychotherapeuten, Publizisten, Studierenden, Politologen und politisch Interessierten – unterstrich die Relevanz des Themas. Die Spannung war greifbar: Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn Politik in Autoritarismus abgleitet?

Die Kernfrage: Wie wird Demokratie wieder attraktiv?

Die drei renommierten Wissenschaftler näherten sich dem Thema aus praktischer und wissenschaftlicher Perspektive und stellten unbequeme Fragen:

  • Werden autoritäre Bedrohungen den Widerstandswillen in passive Akzeptanz einer neuen Realität verwandeln – ähnlich dem in der Psychoanalyse beschriebenen Widerstand gegen Veränderung?
  • Welche Gefahren birgt dies für die Zivilgesellschaft?
  • Sollten sich demokratische Institutionen auf das Undenkbare vorbereiten?

Und vor allem: Wie können wir Demokratie für Bürgerinnen und Bürger wieder schmackhaft machen?

Widerstand: Zwei Seiten einer Medaille

Ein zentraler Gedanke der Diskussion: Widerstand funktioniert in Demokratie und Psychoanalyse gegensätzlich.

In der Psychoanalyse bezeichnet Widerstand eine unbewusste Vermeidungstaktik – der Patient wehrt sich gegen das Erkennen verdrängter Inhalte. Für den Analytiker ist dieser Widerstand ein entscheidender Anhaltspunkt auf dem Weg zur Heilung: Er muss aufgelöst werden.

In der Demokratie hingegen ist Widerstand eine bewusste, notwendige Handlung – Bürger richten sich gegen Autoritäten, die als falsch oder unmoralisch empfunden werden. Gesellschaftlicher Widerstand ist zentral für eine gesunde Demokratie.

Diese Parallele zog sich wie ein roter Faden durch die Diskussion: Wo Psychoanalyse Widerstand auflösen muss, braucht Demokratie ihn dringend.

Von Trump bis Orbán: Eine globale Bestandsaufnahme

Die Diskutanten analysierten die politischen Entwicklungen in den USA (Demokraten, Republikaner, Trump), Russland (Putin), Ungarn (Orbán) und Serbien (Vučić). Sie verglichen diese mit den „freien Demokratien des Westens“ – die lediglich 20 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen – sowie der Europäischen Union und deren Parteienlandschaft von links bis rechts.

Besonders scharf kritisiert wurde der Aberglaube an einen funktionierenden Neoliberalismus, der viele westliche Demokratien prägt.

Der Ton: Trocken, nüchtern, wissenschaftlich fundiert – und mit einer Prise Humor. Obwohl, wie ein Podiumsteilnehmer bemerkte, die derzeitige Weltlage und die politische Situation in Österreich eigentlich zum Weinen sind.

Autokratien liefern – Demokratien verwalten?

Ein provokanter Gedanke, der im Raum stand: Autokratien und Hybridkratien haben einen unfairen Vorteil.

Nato Frühling 1966 – De Gaulle & Nixon “ Nato Frühling “ (C) WINart Archiv WINnie Jakob

Sie „erfinden“ Probleme und präsentieren sofort „die richtigen Lösungen“. Ihre Führer – ob Trump, Putin oder Orbán – personifizieren den Staat. Sie handeln (oder inszenieren es zumindest), während westliche Demokratien sich in Formalismen verstricken.

Widerstandsnester werden mit einem „Staubsauger-System“ aufgesaugt: Kritiker werden eingebunden, Zweifler mit funktionierenden Institutionen (die freilich von der „Staatspartei“ kontrolliert werden) beruhigt. Wer mitmacht, erhält Förderungen; wer zur Nomenklatura gehört, öffnen sich weitere Wege.

Demokratien hingegen? Sie bieten Bürgern oft wenig Greifbares – außer: Steuern zahlen, wählen gehen, Gesetze einhalten. Und gelegentlich ein paar „Almosen“, um sie ruhigzustellen.

Die unbequeme Wahrheit: Wenn Demokratie nur noch als bürokratisches Prozedere wahrgenommen wird, verliert sie ihre emotionale Anziehungskraft.

Gesellschaften im Riss: USA und Russland

Interessanterweise zeigten die Diskutanten auf, dass sowohl in den USA (besonders seit Trump) als auch in Russland (besonders seit dem Ukraine-Krieg) die gesellschaftlichen Risse tiefer klaffen als je zuvor – trotz massiver Propaganda.

Die Zivilgesellschaft wirkt gelähmt, unfähig, auf aufgebauschte Feindbilder (meist Bilder, die in der Bevölkerung negativ verankert sind, weil sie unbekannt oder unverstanden bleiben) mit konkreten Ansätzen zu reagieren – ohne dabei selbst zum Feindbild zu werden.

Die Frage bleibt: Wie durchbrechen demokratische Gesellschaften diese Lähmung?

Das Podium: Renommierte Stimmen aus Ost und West

Renata Salecl
Professorin für Psychoanalyse und Rechtswissenschaften an der Birkbeck University of London, leitende Wissenschaftlerin am Institut für Kriminologie in Ljubljana/Laibach (Slowenien). Ehemals verheiratet mit dem Philosophen Slavoj Žižek. Ihre Arbeiten verbinden Freud, Lacan und Gesellschaftskritik.

Michael Scott Roth
Historiker und Präsident der Wesleyan University (USA). Zahlreiche Publikationen über Freud, Politik und Studentenbewegungen.

Slobodan G. Markovich
Historiker und politischer Anthropologe an der Universität Beograd/Belgrad (Serbien). Seine Forschung umfasst britisch-balkanische Beziehungen, Kulturtransfer Europa-Serbien sowie psychoanalytische Anthropologie. Fellow am IWM Wien (2023), Mitglied der Academia Europaea.

Misha Glenny (Moderator)
IWM-Rektor, britisch-irischer Journalist und Autor. Ehemaliger BBC-Europakorrespondent, berichtete in den 1990ern über den Jugoslawien-Konflikt. Autor mehrerer Bücher über organisierte Kriminalität und Cybercrime; sein Buch McMafia wurde 2018 verfilmt.

Fazit: Mehr Kultur in der Politik

Die zentrale Botschaft des Abends war eindringlich: Wir brauchen wieder mehr Kultur in der Politik.

Gegen: Verrohung, Drüberfahren, permanente Feindbildproduktion
Für: Respekt gegenüber dem politischen Gegenüber – auch über Landesgrenzen hinweg

Die permanente Zuordnung zu einem politischen Lager, das „prinzipiell falsch liegt“, bewirkt genau das Gegenteil demokratischer Ideale. Unliberalismus macht auch jene zur „falsch liegenden Fraktion“, die glauben, die Lösung zu allem zu haben.

Wahrer Konsens statt fauler Kompromisse – das ist der Ansatz, den die Diskutanten forderten. Auch Ehrlichkeit und das Eingeständnis von Fehlern gegenüber den Bürgern könnte Demokratie wieder beflügeln.

Ein bereichernder Abend auf historischem Boden

Für mich als Kulturmensch und jemanden, der im legislativen Umfeld tätig ist, war es ein außergewöhnlich bereichernder Abend – auf historischem Boden, im Haus des Mannes, der die Tiefenstruktur der menschlichen Psyche ergründete.

Die Diskussion zeigte: Demokratie ist nicht selbstverständlich. Sie muss täglich verteidigt, neu gedacht und für Bürger wieder attraktiv gemacht werden.

Denn wie Freud wusste: Was verdrängt wird, kehrt zurück. Und wenn Demokratien den Widerstand nicht mehr zulassen, wird er sich andere, möglicherweise destruktive Wege suchen.

M.A. Jakob

HONORÉ DAUMIER Spiegel der Gesellschaft in der ALBERTINA, WIEN

„Ein scharfer Kritiker“ Daumier ist eine faszinierende Gestalt, der 1879 verstorbenen Künstler, der als die Zensur bekämpfender Karikaturist für seine Arbeiten ins Gefängnis ging: Er war nicht in einer Schockstarre, sondern scharfer Kritiker der Vorgänge. Er ist so etwas wie der Loriot des 19. Jahrhunderts, der aus einer kleinen Szene etwas ganz Berührend-Menschliches machen kann, Parallelen zum 20. Jahrhundert sind imminent (Lage Europas und die diversen Kriege, die derzeitige Politik). Das mag einer der Gründe sein, weshalb die bis dato letzte Ausstellung in der Albertina zu Daumier 1936 stattfand.

Die politische Lage ist instabil, eine ruchlose Clique missbraucht ihre Macht, die Wirtschaft kriselt und die gesellschaftliche Situation wird immer komplexer und unübersichtlicher. Die Schilderung der Verhältnisse im postrevolutionären Frankreich des 19. Jahrhunderts scheint merkwürdig gegenwärtig und so ist es auch mit der zeitlos aktuellen Kunst des großen Honoré Daumier.

balancierende Europa auf der Welt (Kanonenkugel)

Mit spitzer Feder und unbestechlichem, teils giftigem, Humor hält er seiner Zeit den Spiegel vor, prangert Machtmissbrauch und soziale Missstände an. Als scharfsinniger Beobachter zeigt Daumier darüber hinaus aber auch das alltägliche Leben in der modernen Großstadt Paris.

Die Legislative einst und jetzt (Stichwort Wr. Gemeinderätin mit Handy)

Möglicherweise war der Vergleich mit Loriot, den Albertina-Direktor Ralph Gleis fand, nicht der ideale. Zwar sind Loriots Männchen skurril und dümmlich genug und auch nicht so harmlos, wie sie aussehen, aber sie wären nicht so beliebt, hätte er denselben gnadenlosen Blick auf die Normalmenschen geworfen wie Daumier.

Schwer zu stemmendes Budget (einst & Jetzt)

Bei diesem kommen alle Schichten der Gesellschaft an die Reihe, und dabei gibt es geradezu entsetzliche Fratzen à la Bosch oder auch Goya. Besonders lächerlich ist ihm der „Bürger“ wenn er sich als Kunstkenner gibt – da hat sich die Ausstellung einen Trick ausgedacht, in eine Reihe von Bildern dieses Genres (stupide „Kunstkenner“) zwei Spiegel einzufügen. Ein Schelm wer böses denkt …

Seine Kunst erscheint nicht weniger aktuell als zur Entstehungszeit. 90 Jahre später und unterstützt durch Kooperation und Leihgaben des Städelschen Museumsvereins aus Frankfurt a.M. wird der französische Künstler nun in neuem Licht, von Laura Ritter kuratiert, gezeigt. Neben zahlreichen Lithografien und Zeichnungen sind auch seine berühmten Gemälde und Skulpturen ausgestellt – sowie ein moderner Ansatz als Animationsfilm zum Werk Daumiers, dessen Musik von keinen Geringeren als Paul und Linda McCartney stammt.

Wermutstropfen: trotz redlichem Bemühen des Ausstellungsteams: entweder wiederholen sich die Bildtexte mehrfach oder es fehlen kontextuelle Hinweise auf die Zusammenhänge in der französischen Geschichte sowie die Übertragung der Bedeutung so mancher französischer Ausdrücke z.B. La poire die Birne, poire= Versager oder die Bedeutung der Farben Blau weiß Rot ( Blau= Paris, Weiß= Könige Rot= Volk) oder barboteuses was auch als Tratschweiber (barboter) zu deuten ist.

Für den Nicht Kunstkenner Daumiers ist die Ausstellung vielleicht „langatmig“, weil man sich immer „reinlesen“ muss. Trotz dieser gegebenen Museumsdidaktik dem Publikum gefällts

Fazit: sehenswert und vielleicht auch Erkenntnispotential für heute und Denkansatz an „Kunstkenner“, unsere Politiker und Medien…

Ausstellung in der Albertina ist von 6. Februar bis 25. Mai 2026 zu sehen.

Maestro Karajan (C) WIN -WINart Archiv

Apropos Karikatur:   Daumier durchleuchtete die Bourgeoisie. Prof WINnie Jakob (1927-2012, erste weibliche Karikaturistin Österreichs. Teilbestände in der Albertina) durchleuchtete die Granden der Musik, Oper & Bühne. Beide mit demselben Werkzeug: wenige Linien — und die Maske fällt. Was Daumier im 19. Jahrhundert der Macht antat, machte WIN im goldenen Zeitalter der Klassik: Sie zeichnete nicht Gesichter, sondern essenzielle Wahrheiten. 

JAM_WINart Archiv