HONORÉ DAUMIER Spiegel der Gesellschaft in der ALBERTINA, WIEN

„Ein scharfer Kritiker“ Daumier ist eine faszinierende Gestalt, der 1879 verstorbenen Künstler, der als die Zensur bekämpfender Karikaturist für seine Arbeiten ins Gefängnis ging: Er war nicht in einer Schockstarre, sondern scharfer Kritiker der Vorgänge. Er ist so etwas wie der Loriot des 19. Jahrhunderts, der aus einer kleinen Szene etwas ganz Berührend-Menschliches machen kann, Parallelen zum 20. Jahrhundert sind imminent (Lage Europas und die diversen Kriege, die derzeitige Politik). Das mag einer der Gründe sein, weshalb die bis dato letzte Ausstellung in der Albertina zu Daumier 1936 stattfand.

Die politische Lage ist instabil, eine ruchlose Clique missbraucht ihre Macht, die Wirtschaft kriselt und die gesellschaftliche Situation wird immer komplexer und unübersichtlicher. Die Schilderung der Verhältnisse im postrevolutionären Frankreich des 19. Jahrhunderts scheint merkwürdig gegenwärtig und so ist es auch mit der zeitlos aktuellen Kunst des großen Honoré Daumier.

balancierende Europa auf der Welt (Kanonenkugel)

Mit spitzer Feder und unbestechlichem, teils giftigem, Humor hält er seiner Zeit den Spiegel vor, prangert Machtmissbrauch und soziale Missstände an. Als scharfsinniger Beobachter zeigt Daumier darüber hinaus aber auch das alltägliche Leben in der modernen Großstadt Paris.

Die Legislative einst und jetzt (Stichwort Wr. Gemeinderätin mit Handy)

Möglicherweise war der Vergleich mit Loriot, den Albertina-Direktor Ralph Gleis fand, nicht der ideale. Zwar sind Loriots Männchen skurril und dümmlich genug und auch nicht so harmlos, wie sie aussehen, aber sie wären nicht so beliebt, hätte er denselben gnadenlosen Blick auf die Normalmenschen geworfen wie Daumier.

Schwer zu stemmendes Budget (einst & Jetzt)

Bei diesem kommen alle Schichten der Gesellschaft an die Reihe, und dabei gibt es geradezu entsetzliche Fratzen à la Bosch oder auch Goya. Besonders lächerlich ist ihm der „Bürger“ wenn er sich als Kunstkenner gibt – da hat sich die Ausstellung einen Trick ausgedacht, in eine Reihe von Bildern dieses Genres (stupide „Kunstkenner“) zwei Spiegel einzufügen. Ein Schelm wer böses denkt …

Seine Kunst erscheint nicht weniger aktuell als zur Entstehungszeit. 90 Jahre später und unterstützt durch Kooperation und Leihgaben des Städelschen Museumsvereins aus Frankfurt a.M. wird der französische Künstler nun in neuem Licht, von Laura Ritter kuratiert, gezeigt. Neben zahlreichen Lithografien und Zeichnungen sind auch seine berühmten Gemälde und Skulpturen ausgestellt – sowie ein moderner Ansatz als Animationsfilm zum Werk Daumiers, dessen Musik von keinen Geringeren als Paul und Linda McCartney stammt.

Wermutstropfen: trotz redlichem Bemühen des Ausstellungsteams: entweder wiederholen sich die Bildtexte mehrfach oder es fehlen kontextuelle Hinweise auf die Zusammenhänge in der französischen Geschichte sowie die Übertragung der Bedeutung so mancher französischer Ausdrücke z.B. La poire die Birne, poire= Versager oder die Bedeutung der Farben Blau weiß Rot ( Blau= Paris, Weiß= Könige Rot= Volk) oder barboteuses was auch als Tratschweiber (barboter) zu deuten ist.

Für den Nicht Kunstkenner Daumiers ist die Ausstellung vielleicht „langatmig“, weil man sich immer „reinlesen“ muss. Trotz dieser gegebenen Museumsdidaktik dem Publikum gefällts

Fazit: sehenswert und vielleicht auch Erkenntnispotential für heute und Denkansatz an „Kunstkenner“, unsere Politiker und Medien…

Ausstellung in der Albertina ist von 6. Februar bis 25. Mai 2026 zu sehen.

Maestro Karajan (C) WIN -WINart Archiv

Apropos Karikatur:   Daumier durchleuchtete die Bourgeoisie. Prof WINnie Jakob (1927-2012, erste weibliche Karikaturistin Österreichs. Teilbestände in der Albertina) durchleuchtete die Granden der Musik, Oper & Bühne. Beide mit demselben Werkzeug: wenige Linien — und die Maske fällt. Was Daumier im 19. Jahrhundert der Macht antat, machte WIN im goldenen Zeitalter der Klassik: Sie zeichnete nicht Gesichter, sondern essenzielle Wahrheiten. 

JAM_WINart Archiv

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