Schlagwort-Archive: Wien Tradition

Gerstner im Palais Todesco – Wenn die Kulisse glänzt, aber der Service aus dem Rahmen fällt

Eine Wiener Traditionsmarke zwischen großer Vergangenheit, prächtigem Ambiente und kleinen, leider nicht ganz unbedeutenden Enttäuschungen.

Es gibt Namen, die in Wien mehr sind als bloße Unternehmensbezeichnungen. Gerstner gehört zweifellos dazu. Ein Name, der seit Generationen für gepflegte Gastlichkeit, kulinarische Qualität, Eleganz und jenes schwer zu definierende Wiener Lebensgefühl steht, das man nicht einfach auf eine Speisekarte drucken kann.

Wer Gerstner seit Jahrzehnten kennt, verbindet damit Erinnerungen, Erwartungen und ein gewisses Vertrauen in die Beständigkeit einer Marke. Umso bedauerlicher, wenn ausgerechnet jene Menschen, die diese Tradition täglich mit Leben erfüllen sollten, gelegentlich den Eindruck erwecken, sie hätten davon noch nicht allzu viel gehört.

Das Palais Todesco bietet jedenfalls alles, was es für einen gelungenen Abend braucht: prachtvolle Räumlichkeiten, ein außergewöhnliches Ambiente, einen Hauch kaiserlicher Grandezza und eine Lage, um die andere gastronomische Betriebe Gerstner beneiden dürften.

Die Bühne ist also perfekt. Nur bei der Besetzung und gelegentlich auch bei der Regie scheint noch Luft nach oben zu sein.

Reserviert ist nicht immer reserviert

Ein Geburtstag sollte gefeiert werden. Am besten stilvoll, entspannt und mit dem guten Gefühl, dass eine schriftlich bestätigte Reservierung auch tatsächlich das bedeutet, was man gemeinhin darunter versteht. Im Palais Todesco scheint diese Gewissheit allerdings gelegentlich von der Größe einer eintreffenden Touristengruppe abzuhängen.

Wiener Grant ist schließlich eine Kunstform – Unfreundlichkeit allein noch keine Qualifikation.

Unser ausdrücklich für ein Abendessen reservierter Esstisch entsprach jedenfalls zunächst nicht dem vereinbarten Arrangement. Freundliche Hinweise, dass wir zu speisen und nicht bloß einen Kaffee zu trinken beabsichtigten, führten beim zuständigen Kellner Souad leider nicht zu jener charmanten Problemlösung, die man in einem Haus dieser Kategorie erwarten dürfte.

Stattdessen fühlten wir uns eher abgefertigt oder auf wienerisch „abgeschasselt“ als willkommen geheißen. Nun gehört zum Wiener Kaffeehaus bekanntlich auch eine gewisse Grantigkeit. Doch zwischen dem legendären Wiener Ober, der mit trockenem Schmäh seine Gäste unterhält, und einem Service, bei dem man sich als Bittsteller empfindet, liegt ein beträchtlicher Unterschied.

Auch der Kollege Jens sorgte für einen jener Momente, die man zunächst für einen Scherz hält: Nach unserer Reklamation erkundigte er sich nochmals, ob der Tisch denn tatsächlich eingedeckt werden solle.

Nun ja. Wir waren zum Abendessen gekommen, hatten einen Esstisch reserviert und beabsichtigten sogar, Speisen zu bestellen. Die Indizien waren also durchaus vorhanden.

Vielleicht hätte man uns alternativ auch ein Picknick am Teppich anbieten können. Allerdings schien dessen Reinigung ohnehin erst für den nächsten Tag vorgesehen.

Als gegen 20 Uhr Teile der Bestuhlung und Tische weggeräumt wurden, der Kellner Souad Sakkolos pfeifend an uns vorbeizog, gewann der Abend schließlich eine beinahe philosophische Dimension: War dies nun eine atmosphärische Inszenierung, ein dezenter Hinweis auf den Feierabend oder schlicht eine neue Interpretation gehobener Wiener Gastlichkeit?

Die größere Touristengruppe hatte das Haus zu diesem Zeitpunkt jedenfalls bereits verlassen…

Die Küche: Zwischen erfreulicher Fantasie und kleinen Ausflügen ins Ungefähre

Denn gehobene Gastronomie beginnt nicht erst bei der Kreativität des Küchenchefs, sondern bereits beim richtig gegarten Erdäpfel.

Kulinarisch zeigte sich ein erfreulich differenziertes Bild.

Die Küche verfügt zweifellos über Kreativität und Können. Manche Gerichte waren ausgezeichnet, fantasievoll komponiert und durchaus jener Tradition würdig, für die Gerstner steht.

Andere wiederum ließen Fragen offen.

Erdäpfel, die sich offenbar noch nicht endgültig für den gegarten Zustand entschieden hatten. Flusskrebse, deren Eigengeschmack sich bemerkenswert diskret im Hintergrund hielt. Eine Lachsforelle, die sich über ein wenig mehr Würze vermutlich gefreut hätte.

Und schließlich ein Zwiebelrostbraten, der hinsichtlich seiner Salzigkeit beinahe Ambitionen entwickelte, als Surbraten Karriere zu machen. Ein Kaiserschmarrn, welcher zwar ausgezeichnet mundete, sich aber über eine kaiserlichere Präsentation sicherlich gefreut hätte…

Das alles ist kein kulinarischer Weltuntergang. Doch in einem Haus, das sich in einer entsprechenden Preis- und Qualitätskategorie positioniert, sollte die Küche nicht nur gelegentlich brillieren, sondern auch in den vermeintlich kleinen Dingen verlässlich überzeugen.

Die Weinkarte: Österreich hätte durchaus mehr zu bieten

Auch die Weinauswahl hinterließ einen etwas zwiespältigen Eindruck. Gerade ein Haus mit dem Namen Gerstner könnte die Gelegenheit nutzen, die große österreichische Wein- und Sektkultur entsprechend selbstbewusst zu präsentieren.

Stattdessen erschien uns die Auswahl bemerkenswert zurückhaltend, was namhafte österreichische Spitzenweine und international anerkannte heimische Sekte betrifft. Breiter vertreten waren hingegen Schaumweine, während manche interessanteren Weine ausschließlich flaschenweise erhältlich waren.

Das mag betriebswirtschaftlich nachvollziehbar sein, ist für Gäste, die unterschiedliche Weine zu mehreren Gängen genießen möchten, allerdings wenig einladend.

Ein Glas hervorragender österreichischer Wein sollte in Wien schließlich keine außergewöhnliche Herausforderung darstellen.

Beim Süßen ist die Welt wieder in Ordnung

Und dann kommt das Dessert.

Hier darf man erleichtert feststellen: Gerstner ist eben doch Gerstner.

Die süßen Kreationen überzeugten und erinnerten daran, weshalb dieser Name über Jahrzehnte hinweg einen so ausgezeichneten Ruf erworben hat.

In diesem Bereich scheint die Tradition nicht nur bewahrt, sondern auch verstanden worden zu sein.

Ein versöhnlicher Höhepunkt eines Abends, der durchaus mehr solcher Momente vertragen hätte.

Ein Adriano macht noch keinen Wiener Frühling – aber immerhin einen besseren Abend

Dass es auch anders geht, bewies erfreulicherweise ein dritter Mitarbeiter: Adriano.

Mit Aufmerksamkeit, Freundlichkeit, Verständnis und einer wohltuenden Portion Charme bemühte er sich, die vorangegangenen Unstimmigkeiten seiner Kollegen auszugleichen.

Er ermöglichte uns einen Tischwechsel, ging auf unsere Wünsche ein und verstand es sogar, durch aufmerksames Service zusätzliche Bestellungen zu generieren.

Man könnte sagen: Er tat genau das, was guter Service tun sollte – und was in einem Haus wie Gerstner eigentlich selbstverständlich sein müsste.

Selbst ein späterer Rechnungsfehler, dessen Korrektur etwas Geduld erforderte, konnte diesen positiven Eindruck nicht mehr wesentlich trüben.

Adriano verdiente sich sein Trinkgeld redlich. Und gewissermaßen jenes seiner Kollegen gleich mit.

Dafür ein aufrichtiges Dankeschön!

Wenn das Preis-Leistungs-Verhältnis ins Wanken gerät

Ein prachtvoller Salon allein macht noch keine gehobene Gastronomie.

Unser Abendessen schlug mit rund 230 Euro zu Buche. Das ist für einen besonderen Anlass in einem traditionsreichen Wiener Haus keineswegs grundsätzlich unangemessen.

Allerdings setzt ein solches Preisniveau entsprechende Erwartungen voraus: an die Qualität der Speisen, an die Auswahl der Getränke, an Organisation und Tischkultur – vor allem aber an den Umgang mit den Gästen.

Und auch eine international bekannte „Traditions“-Marke darf nicht davon ausgehen, dass touristische Begeisterung über das historische Ambiente sämtliche Schwächen im täglichen Betrieb aufwiegt.

Wer Wien und seine gastronomische Kultur kennt, vergleicht eben nicht nur Kronleuchter und Stuckdecken, sondern auch das, was darunter geschieht.

Dass wir mit unseren Eindrücken nicht allein waren, deuteten auch Unmutsäußerungen anderer Gäste über Service und Wartezeiten an.

Liebes Gerstner-Management: Tradition ist kein Selbstläufer!

Tradition kann man übernehmen. Stil muss man leben.

Eine Traditionsmarke ist ein kostbares Erbe. Aber eines, das täglich neu verdient werden muss.

Was gelegentlich zu fehlen scheint, ist die konsequente Pflege jener Ressource, die über den tatsächlichen Erfolg entscheidet: die Menschen.

Doch Gastfreundschaft lässt sich weder durch Stuck noch durch Samtvorhänge ersetzen.

Sie entsteht dort, wo Mitarbeiter ihre Aufgabe nicht bloß erfüllen, sondern sich mit dem Haus, seiner Geschichte und seinen Gästen identifizieren. Dazu gehören gute Führung, klare Organisation, professionelle Schulung und nicht zuletzt die Fähigkeit, eine Reklamation als Gelegenheit zur Verbesserung zu verstehen – und nicht als persönliche Zumutung.

Wir kennen Gerstner aus vielen Besuchen über Jahrzehnte hinweg: vom Café über die Bar und den Brunch bis hin zum Restaurant. Gerade deshalb hatten wir uns darauf gefreut, auch einen Geburtstag im Palais Todesco in entsprechend festlichem Rahmen zu feiern.

Eine kritische, aber durchaus wohlwollende Betrachtung eines langjährigen Gerstner-Gastes, der gerne wiederkommen würde – allerdings mit etwas höheren Erwartungen an den Service als an die nächste Teppichreinigung anstelle der Gäste. 28.10.26 MJ Press