Yvonne Oswald – Wenn die Landschaft ihre eigene Geschichte erzählt

Winterwald OSWALD

Die stille Poesie Natur zwischen Fotografie und Malerei.

In der Wiener Galerie Frank begegnen die faszinierenden Bilderwelten von Yvonne Oswald den vielschichtigen Identitätsbildern des Künstlers Imad Bechara. Eine Ausstellung über Vergänglichkeit, Veränderung und die Kunst des bewussten Sehens.

Galerie Frank, Himmelpfortgasse 12, 1010 Wien Ausstellung „ECHOES OF TRANSIENCE“ – 7. bis 13. November 2026

Zwei Kunstwelten – ein gemeinsamer Gedanke

Ein volles Haus, zahlreiche bekannte Gesichter der Wiener Gesellschaft und Kulturszene und eine Atmosphäre angeregter Begegnungen: Die Vernissage der Ausstellung ECHOES OF TRANSIENCE in der Galerie Frank erwies sich bereits am Eröffnungsabend als gesellschaftlicher und künstlerischer Erfolg.

Zwei bemerkenswerte künstlerische Positionen treffen sich unter dem Leitgedanken der Vergänglichkeit: die österreichische Fotokünstlerin Yvonne Oswald und der aus dem Libanon stammende, in Tirol lebende Maler und Bildhauer Imad Bechara. Beide beschäftigen sich mit Veränderung, Erinnerung und Identität – allerdings aus unterschiedlichen Perspektiven.

Oswalds fotografische Serie Transition – Topographies of Transience verwandelt flüchtige Naturmomente und Landschaftsausschnitte in vielschichtige, beinahe malerische Kompositionen. Konturen verschwimmen, vertraute Formen lösen sich auf, Grenzen zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion werden durchlässig.

Becharas Werkgruppe Echoes of the Self richtet den Blick hingegen nach innen. Seine Malerei und Skulpturen untersuchen Identität als wandelbares und mitunter widersprüchliches Gefüge aus Erinnerungen, Überzeugungen und gesellschaftlichen Rollen. Bechara arbeitet beispielsweise mit altem Holz aus ausgedienten Tiroler Gebäuden. Es ist ein Werkstoff, der bereits Geschichte in sich trägt und dessen Spuren Teil der künstlerischen Aussage werden.

So entsteht ein überzeugender Dialog: Oswalds Landschaften werden zu Spiegelbildern innerer Befindlichkeiten, während Becharas Gesichter auf gealtertem Holz die Veränderungen der Natur und des menschlichen Lebens reflektieren. Was zunächst gegensätzlich erscheint, verbindet sich zu einer gemeinsamen Frage: Was bleibt, wenn sich das Vertraute verändert?

Yvonne Oswald – Die Kunst, das Vertraute neu zu sehen

WaldII OswaldWenden wir uns nun Yvonne Oswald zu. Es braucht nicht immer spektakuläre Motive, um große Bilder entstehen zu lassen. Manchmal genügt ein verschneiter Wald, eine winterliche Wiese, eine einsame Alm oder die Strukturen des mächtigen Dachsteins, um jene besondere Spannung zwischen Natur und menschlicher Wahrnehmung hervorzurufen, die anspruchsvolle Fotografie von bloßer Abbildung unterscheidet.

Oswald widmet sich Landschaften, die wir zu kennen glauben – und die uns durch ihren künstlerischen Blick dennoch neu begegnen. Der Winterwald wird zum Symbol des Innehaltens. Die Winterwiese erzählt von einer Natur, die unter ihrer scheinbar unbewegten Oberfläche weiterlebt. Alm und Dachstein verkörpern jene alpine Welt, die seit Jahrhunderten Sehnsuchtsort, Naturerlebnis und kulturelle Projektionsfläche zugleich ist. Oswald fotografiert nicht einfach Landschaften. Sie untersucht, was Landschaften in uns auslösen.

Wenn Fotografie zu Malerei wird

Oswalds Bildsprache ähnelt der Malerei. Natur erscheint nicht mehr ausschließlich als geografischer Raum, sondern als Komposition aus Formen, Licht, Strukturen und atmosphärischen Verdichtungen.

Gerade die Wintermotive bieten eine reizvolle Reduktion. Wo die Natur ihre sommerliche Üppigkeit abgelegt hat, treten Linien, Oberflächen und räumliche Beziehungen deutlicher hervor. Die mächtigen Berge erinnern an die scheinbare Beständigkeit der Landschaft – und zugleich an deren Verletzlichkeit angesichts klimatischer Veränderungen. Auch die Alm lässt sich doppelt lesen: als vertrautes Bild österreichischer Naturromantik und als über Generationen gewachsene, vom Menschen geprägte Kulturlandschaft. Oswalds Stärke besteht darin, solche Motive nicht allein ihrer Schönheit wegen interessant zu machen, sondern ihnen eine zweite, nachdenkliche Ebene hinzuzufügen.

Alm OswaldAlpine- oder Landschafts-Fotografie bewegt sich stets auf einem schmalen Grat, denn Schnee, Berge und einsame Landschaften locken mit jener dekorativen Ästhetik, die man aus Kalendern und Bildbänden kennt. Wann wird also eine schöne Landschaftsaufnahme zu einem eigenständigen Kunstwerk? In Oswalds Fall liegt die Antwort in der bewussten Gestaltung des Blicks, in der Verdichtung des Motivs und in der künstlerischen Interpretation des Sichtbaren. Wo dies gelingt, entsteht eine stille Intensität, die weit über das landschaftlich Gefällige hinausreicht. Doch man kann auch darüber nachdenken, ob die Schönheit der Oberfläche die gedankliche Aussage nicht überstrahlt. Gerade diese Spannung macht die Auseinandersetzung mit ihren Arbeiten reizvoll.

40 Stunden für einen Augenblick – und die Kunst dahinter

Wie viel Arbeit tatsächlich in einem solchen Werk steckt, erschließt sich erst im Gespräch mit der Künstlerin. Wer glaubt, anspruchsvolle Fotokunst entstehe durch einen gelungenen Druck auf den Auslöser, wird eines Besseren belehrt. Oswald berichtet, dass allein die künstlerische Ausarbeitung eines Werkes durchschnittlich 30 bis 40 Arbeitsstunden beanspruchen kann. Nicht eingerechnet sind dabei die oft mehrfachen Besuche des jeweiligen Motivs und die Suche nach dem richtigen Licht, der geeigneten Perspektive und jenem besonderen Augenblick, in dem sich eine Landschaft in eine Bildidee verwandelt.

Auch nach der Fertigstellung des Kunstwerks ist der künstlerische Prozess nicht zu Ende. Druckverfahren, Materialwahl, Präsentation und Rahmung werden für jedes Werk sorgfältig abgestimmt. Nichts wird dem Zufall überlassen. Die physische Ausführung ist Teil der künstlerischen Gesamtwirkung.

Besondere Aufmerksamkeit verdient auch Oswalds Editionspraxis. Ihre Arbeiten werden überwiegend in streng limitierten Auflagen angeboten. Nach ihren Angaben verbleiben üblicherweise zwei Exemplare im Archiv; nach Abschluss der Edition wird die ursprüngliche Druckvorlage vernichtet beziehungsweise für weitere Abzüge unbrauchbar gemacht. Der Verbleib der Werke wird dokumentiert, sofern die Käuferinnen und Käufer keine Anonymität wünschen. Das schafft Transparenz und schützt die Exklusivität der Editionen. Eine garantierte finanzielle Wertsteigerung lässt sich daraus nicht ableiten – wohl aber ein ernsthafter und verantwortungsbewusster Umgang mit dem eigenen künstlerischen Werk.

Kunstgenuss muss kein Luxus sein

Erfreulich ist zudem, dass sich die Preisgestaltung in einem durchaus erschwinglichen Rahmen bewegt und Möglichkeiten für unterschiedliche Budgets bietet. Damit richtet sich Oswalds Fotokunst keineswegs ausschließlich an etablierte Sammler oder ein finanzkräftiges Galeriepublikum. Auch kunstinteressierte Menschen, die erstmals ein Originalwerk erwerben möchten, können hier fündig werden.

Eine Einladung zum bewussten Sehen

Yvonne Oswald beschäftigt sich seit Jahren mit den Beziehungen zwischen Mensch, Natur, Erinnerung und Vergänglichkeit. Ihre fotografische Auseinandersetzung mit dem legendären Südbahnhotel am Semmering machte sie einem breiteren Kunstpublikum bekannt. Dort waren es verlassene Räume und die Spuren vergangener Lebenswelten, denen sie eine neue visuelle Gegenwart verlieh. In ihren alpinen Landschaften findet diese Beschäftigung mit Zeit und Veränderung eine konsequente Fortsetzung.

Die Kunstwerke in der Galerie Frank laden dazu ein, vertraute Landschaften nicht bloß wiederzuerkennen, sondern neu zu entdecken. Sie fordern kein spektakuläres Staunen, sondern Aufmerksamkeit, Sensibilität und die Bereitschaft, sich auf Zwischentöne einzulassen. Im Dialog mit Imad Becharas vielschichtigen Werken gewinnt die Ausstellung zusätzliche Tiefe. Hier die äußere Landschaft, dort die innere Welt des Menschen – beide in ständiger Veränderung und beide auf der Suche nach einer Form von Beständigkeit.

Fazit: Eine Ausstellung, die nachwirkt

ECHOES OF TRANSIENCE ist eine gelungene Begegnung zweier künstlerischer Positionen, die sich auf unterschiedliche Weise mit den Spuren der Zeit befassen. Yvonne Oswald überzeugt besonders dort, wo ihre Fotografien die Grenzen zwischen dokumentarischer Wirklichkeit und malerischer Empfindung überschreiten. Ihre Arbeiten haben eine stille, fast kontemplative Kraft, die sich erst bei genauerem Hinsehen vollständig entfaltet. Imad Becharas Arbeiten ergänzen diese Bildwelt durch eine intensive Beschäftigung mit der menschlichen Identität und verleihen dem Ausstellungskonzept eine zusätzliche Dimension.

Wer in diesen Tagen durch die Wiener Innenstadt spaziert, sollte sich einen Besuch in der Himmelpfortgasse gönnen. Vielleicht entdeckt man dabei nicht nur ein besonderes Kunstwerk, sondern auch einen neuen Blick auf die eigene Umgebung. Denn manchmal erzählt eine verschneite Wiese mehr über unsere Welt als das spektakulärste Panorama.

Ausstellungsinformation ECHOES OF TRANSIENCE Yvonne Oswald & Imad Bechara
Galerie Frank, Himmelpfortgasse 12, 1010 Wien, 7.-13. November 2026, täglich 10-19 Uhr

Text: MA Jakob Fotos: (C) 2026 MJ Press/WINart

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